Gespräch:
'du bist nicht alleine, liebling.'
'du lügst schon wieder, schatz.'
'woran denkst du, wenn wir es machen?'
'die wahrheit, oder was dir gefällt?'
'du weißt nicht, was mir gefällt.'
'wie wahr.'
'und?'
'ich denke nicht, ich machs mit dir.'
'das ist alles?'
'die wahrheit ist langweilig, nicht wahr.'
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Gespräch II:
'Mein Gott', sagte der Verteidiger, wollen Sie denn nicht frei sein?'
'Oh doch', erwiderte er.'
'Und warum schweigen Sie dann so beharrlich; so werden Sie das Gericht nie von Ihrer Unschuld überzeugen.'
'Ich sagte, ich will frei sein; wenn ich schweige, bleibe ich unschuldig; wenn ich aber auf die Fragen antworte, dann gestehe ich dem Gericht das Recht zu, mich schuldig zu sprechen. Ich will frei sein.'
'Wenn Sie die Fragen beantworten ...'
'... dann spricht er mich schuldig, der Richter, weil meine Antworten einem Schuldbekenntnis gleichkommen ...'
'Aber ...'
'Einen Moment, bitte.'
'Entschuldigen Sie.'
'... wenn ich schweige, dann werde ich schuldig gesprochen, weil das Gericht die Macht dazu besitzt.'
'Aber Sie sind doch unschuldig!?'
'Ja, aber wer die Wahrheit sagt, der ist schuldig; und ich würde die Wahrheit sagen.'
'Sagten Sie nicht, Sie wollten frei sein?'
'Ja.'
'Ja, und?'
'Kann ich außerhalb der Gefängnismauern freier sein als innerhalb? Was ist es für eine Freiheit, wenn Sie damit rechnen müssen unschuldig eingesperrt zu werden?'
'Sie reden ja so, als wären alle, die ins Gefängnis kommen, unschuldig.'
'Und, sind sie das denn nicht? Wenn alle schuldig sein können, können dann nicht auch alle unschuldig sein? Ist denn der Richter schuldlos, der Staatsanwalt, der Polizist, und Sie? Wie ist es mit Ihnen?'
'Sie wissen doch, ich will Ihnen helfen.'
'Wobei?'
'Daß Sie freigesprochen werden.'
'Wollen Sie mir helfen freigesprochen zu werden, oder wollen Sie mir helfen frei zu sein?'
'Das ist doch Haarspalterei; es kommt doch aufs gleiche hinaus.'
'Dann werden Sie sich also schuldig machen?'
'Nein, wieso?'
'Wer die Wahrheit sagt, der ist schuldig!'
'Ich ...'
'Sie wollen nicht die Wahrheit sagen? Sie haben Recht, das ist das Weiseste.'
'Nun hören Sie aber mal auf! Was meinen Sie eigentlich immer mit Wahrheit?'
'Wer frei von jeder Sünde ist, der werfe den ersten Stein.'
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Lange brauchen wir
viel zu lange
um einander zu kennen
Deshalb eilen wir
ja wir eilen
und manchmal ist es auch rennen
In der Eile
übersehen wir dann
daß es lange braucht einander zu kennen
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Wenn die Kinder schreien
stopft er sich Pfropfen in die Ohren
und fängt an zu schimpfen
Wenn er lange genug schimpft
hören die Kinder auf
bloß hört er das nicht
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Ein Wort
Zwei Menschen
Schweigen.
Die Luft
Zwischen ihnen
Wird fad.
Die Fenster
Nie offen.
Die Furcht
Es ihnen
Verbat.
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nimm mich doch an der hand
und laß uns versuchen
einen gemeinsamen schritt zu finden
wer dann nicht versteht
sind wir beide
doch sind wir nicht voneinander entfernt
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irgendwo im nebel
stehen zwei frauen
aus begeisterung sozusagen
und schauen fragend ins meer hinab
sie schworen treue
mit blickenden gesten
aus vielerlei furcht
und riefen namen in die tiefe hinab
diesmal noch nicht
beschwor die stille
friedfertig ohne hast
und kroch aus dem schlamm hinauf
wieder im nebel
stehen die frauen
schuldig und froh
und schauen wissend zum meer hinauf
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manchmal nachts
wenn die ratten anzüge tragen
komme ich empor aus meinem traum
und gehe mit spiegeln durch die straßen.
nicht immer
schaffe ich den weg zurück
denn sie, die ratten, haben ein feines gespür
und zerfetzen mit krallen meine silberne haut.
besser ist
ein lederner panzer mit stacheln aus stahl
zum schutz auf meinem nächtlichen weg
und als antwort auf ihre waffen.
doch leider
sehen wir dann nur noch die blinkenden spitzen
im fahlen mondlicht ihre drohung verkünden
und nicht das silbrige funkeln meiner haut.
dann schließlich
nimmt der traum behutsam ein schwert von der wand
durchstößt meinen leib mit verzücktem gesicht
und die ratten klatschen wild, wie sie es gelernt.
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an einem fenster sitzend
geschichten hören
aus asphalt und regentropfen
still und einsam
mit tränen und salz vermischen
zwischendurch eine tasse kaffee
flecken hinterlassend
die ein bild ergeben
dabei wahrheit spüren
und an hoffnung kauen
ein gesammeltes werk neben die pappeln pflanzen
und wieder hoffen
nie einen schluß zu finden
durch blechernes quietschen oder
langsames tropfen
im kerzenschein den mond erwarten
und niemals schlafen
jeden tag ein wenig sterben
die blasse haut der toten lieben
fortwährend den mord vor augen haltend
niemals schlafen nichts vergessen
alles möglich lassen
das ende aus den händen geben
den kindern zum gruß hinterlassen
einmal abschied nehmen
was bleibt ist das bild
als gemälde in den mündern hängend
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sag einmal, siehst du mich nicht sterben?
hab geglaubt an irgendeine ewigkeit
und nun steht etwas still
zum abschied keine nähe
und kalt ist mir sowieso
kannst du sagen was es ist?
oder bin ich nur zu naiv
hat es gestern nicht gegeben
war es vielleicht ein traum
und nur die kälte die ist wahr
ich wüßte gerne wie es steht
wär so froh verrückt zu sein
nur reden kann ich viel
schrei ein paar worte zu dir hinüber
über deine mauer und meine mauer
einmal das ist lang vorbei
mein kopf will platzen vor lauter leere
und mein herz ist schon so oft entzwei
ich kann nicht einsehen, daß du und ich
ach, einerlei, all das ist so lang vorbei
wehmut tropft aus meinen augen
rinnt die zeilen hinab
bis tief in ein paar ohren
und wer mich hört versteht mich nicht
ich weiß, verdammt, allein zu sein
weißt du noch wer hat das gesagt
vor tausend jahren zum ersten mal
und nur dein gesicht gibt es nicht mehr
war nicht alles sehr vertraut
nun, wer hat die mauer dazwischen gebaut
mag sein in jahren
doch daran mag ich nicht glauben
verloren unter millarden
und nie wiedersehen
schleier wehen vor meine augen
nein, wieso ist das so
und ich will nicht verstehen
daß es so etwas gibt
da bist du so nah weit weg
und jedesmal eine träne halt ich nicht aus
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nichts gesehen
nichts gehört
was war es damals
was hat gestört
ein funken hoffnung
ein großes pulverfass
und zwischendrin ein traum
leere augen
trocken und spröde
schlaffe hände
wer glaubt noch daran
ich weiß nichts mehr
nicht mal warum
kein sinn zum suchen
welch zeit ist um
ein funken hoffnung
ein großes pulverfass
und zwischendrin ein traum
leere augen
trocken und spröde
schlaffe hände
wer glaubt noch daran
vielleicht später
nach etlichen zeiten
ein stein in der seele
gibt anlass zum streiten
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die wolken dort hinten über den dächern
sie ziehen auch an deinem fenster vorbei
und ich bin mir nicht sicher ob auch du sie siehst
die wolken dort hinten über den dächern
verändern sich stets bevor ich sie verstanden habe
ihr wesen ist mir fremd ich nenne sie wolken
die wolken dort hinten über den dächern
sind wie wenige menschen noch sind
sie sind zu sehen zu benennen doch nie zu erkennen
die wolken dort hinten über den dächern
wenn du sie siehst denk daran daß sie einmalig sind
mich faszinieren weil ich nie fertig mit ihnen bin
die wolken dort hinten über den dächern
so wie sie möchte ich sein
dann könnten wir uns verstehen
die wolken dort hinten über den dächern
und ich
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Bei Gewitter mit meinem Bruder im Ehebett.
Ein zerbrochener Drachen auf dem Stoppelfeld.
Zu Sylvester in einer Schubkarre schlafend.
Truppenübungen direkt vor der Haustür.
Ein Fuchs im Morgengrauen.
Überreife Kirschen direkt vom Baum.
Spielen in verrosteten Autos.
Mutproben auf dem Zuckerrübenacker.
Ein Urwald neben dem Haus.
Panschereien an Heiligabend.
Musik von Abi und Esther Ofarim.
Eine Katze vom deutschen Schäferhund totgebissen.
All das ist mehr als mir ein Lehrer in hundert Jahren zu lehren vermag.
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Wo bleibt der Schnee
ich seh ihn noch nicht
Warten und eine Tassen Tee
ich sitze im Morgen- und im Abendlicht
und mein Bauch tut auch schon weh
ich hab keine Lust mehr - er reicht
ich warte nicht - ich geh
alle sagen ich sei nicht ganz dicht
aber ich geh Schlittenfahren auch ohne Schnee
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was wünscht du dir?
nun ja, daß ich nicht frier
nein, ich meine, was möchtest du haben?
na, das die menschen das lieben wieder wagen
nee, das kann man doch nicht erfüllen
ich will meine wünsche nicht verhüllen
gut, dann sag schon, was soll ich dir kaufen
sag das och gleich, von allem nur einen großen kleinen haufen
ich geb es auf
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Urlaub am Meer
Zwei Kinder saßen am Strand. Die Sonne ging unter und spiegelte sich in den Wellen. Langsam kroch die Flut näher an die Sandburg und umspülte schon bald den mit Muscheln beschmückten Wall. Die Kinder saßen schweigsam neben der Burg und beobachteten wie sie mehr und mehr von den Wellen zerstört wurde. Rasch wurde es dunkler; der Strand, die verfallenen Burg und die beiden Kinder verschwammen zu einem einzigen undurchdringlichen Grau. Die Szenerie war still bis auf das gleichmäßige Plätschern der heranrollenden Wellen. Als die Sonne gänzlich vom Horizont verschwunden war, durchbrach ein Ruf die Stille. Von weit her wehte der laue Abendwind die Stimme ihrer Mutter zu Marion und Michael hinüber.
'Wollen wir schon gehen?', flüsterte Michael seiner Schwester zu. Er erhielt keine Antwort; stattdessen stand Marion auf und lief um die Überreste der Sandburg herum, wobei sie das seichte Wasser durchpflügte, daß es nur so spritzte. Lachend warf sie sich neben ihrem Bruder in den Sand, 'sag mal, weißt du warum es nachts dunkel ist?', 'weil dann kannst du nichts sehen', sagte sie und sprang wieder auf, 'Laß uns laufen.' Sie war schon losgerannt, Michael schoss hoch und versuchte sie einzuholen.
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Vielleicht ein Kaffeehaustraum
ich saß am fenster irgendeines hauses auf die ungenauigkeit kommt es an und starrte auf den mond welcher eine sonne war direkt durch den türrahmen fiel ein strahl er wäre auf seiner nase gelandet wenn nicht eine boe mit den seiten des tagebuchs gespielt hätte und mich aufmerksam machte aufmerksam auf die ungereimtheit des lebens an sich und im besonderen aufmerksam auf die unerschöpflichkeit meines lebens niemals zuvor war mir so bewußt geworden daß das was ich sah nicht alles war ungezählte personen wegen der entfernung meist geschlechtslos öffneten und schlossen autotüren wieviele an ampeln stehen in kneipen sitzen wer zählt die menschen am fahrkartenschalter schließlich erkannte ich im intim gemeinten die spur die mich auf die fensterbank geführt hat zu zweit zu vielen überall und auch nirgends was sagst du nachher gebumst gefickt geschlafen gevögelt in gedanken den himmel gesehen vielleicht sogar geglaubt eine erleuchtung gehabt zu haben etliche tausend male in der minuten auf allen zwölf kontinenten unterdrückte schreie hörbare schreie gefühle oder gedanken die großartiges ahnen und nicht die erbärmlichkeit durchschauen das fenster war weit geöffnet so daß ich die beine baumeln lassen konnte sonne wärmte entblößte brusthaare wie warzen eine sekunde dachte ich daran zu springen mehr aus überlegung als aus furcht vor der hoffnungslosigkeit was wäre wenn und niemand weiß genaues auf die ungenauigkeit kommt es an irgendwann durchblickt ein jeder das chaos und erkennt daß dahinter nicht etwa das paradies liegt außer chaos nichts zu anfang etwas ungewohnt als wäre eine nie zu tragende last aus meinem blut genommen kein held der arbeit und kein infarktverdächtiger mehr ist es das was er meinte als die welt geschaffen wurde ist dies ihr großes rätsel läßt sie uns durch jahrhunderte kriechen und suchen der trick ist gewiß hinter die kulissen zu schauen dahinter ein nichts und auch die attrappenstadt fällt zu staub sobald es in die letzte zelle durchgedrungen ist daß nichts unmöglich ist
nun stand links von mir eine leere kaffeetasse die muskelfasern begannen zu lächeln in der küche an der maschine acht stunden am tag und noch sechzehn dazu acht löffel reichen vier in jeder hand mit der nase den knopf gedrückt und bald schon dampfender kaffee überall in der wohnung verteilt jedes zimmer wartet auf die kundschaft mit schwarz weißen tassen beschmückt zucker rieselt das klingeln des geldes weckt mich nicht aus dem schlaf aus anderem ich trinke versuche süßes zu schmecken gebe mit zwei stückchen mehr auf und hänge dem gedanken nach der sich über umwege von mond sonne fenster beine bei mir einschlich was ich sah war nicht alles
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Nur ein Spiel
ein bild aus zöpfen lehnt auf einem weißen kissen. weiß noch von der letzten wäsche. es sucht sich knochen. messer und gabel heften leben zwischen die rippen. eingemauert hinter glas ein letzter versuch. reißt den schlüssel aus der kehle und will nicht dankbar sein. woher nehmen wir die zuversicht, etwa aus der keksdose mit der verzierung. rost hat sich an die kanten gesetzt und wartet stolz auf ein weiteres ableben. er betritt die stube nicht, er ist erst zwölf. welch eine einsicht! er hört seinen vater im kampf mit der luft. still steht sie vor ihm und schweigt ihn triumphierend an. schweigen auch die mutter, ein empörtes schweigen. treppenstufen rennen an ihm vorbei ins leere, zwei männer in langen weißen kitteln kommen um die häuserecke gebogen und tragen die schlagenden kinder fort. zurück bleiben die wehenden seiten eines buches. sie wehen langsam dem regen entgegen. langsam öffnet sich auch der mund des kahlen mannes, der seine kahlheit hinter zigarettenqualm versteckt. der wettstreit wird nicht so bald enden. die richter können den langsamsten nicht ermitteln, er erschien noch nicht auf der bildfläche.
die kinder proben den ernstfall, ihre verteidigungswaffen schlagen zum angriff zurück. die zielgenauigkeit ist etnwicklungsfähig. jetzt erst vernehme ich die mundlosen worte, sie habe eine chance zu gewinnen. der kahle nasenmensch hat sich in einem anderen geruch verkrochen. steif schiebt er sich die nasenflügel hinauf und vernimmt dabei das grinsen der kirchturmuhr, die die worte zählt: 'hört ihr auf, oder soll ich euch beine machen.'
die tür quietscht, erschrickt mitmal die angler, welche nun bemerken, daß der besuch davongeschlichen ist. eine gelegenheit bietet ihre blöße an, die genutzt wird um den haken aus dem bettzeug zu entheddern. weißes bettzeug nun mit einem loch, kantig gerissen und einsicht gewährend. zwölf jahre wachen auf, sind noch ein wenig vom schlaf benommen, sie erinnern sich, sitzen in der vordersten reihe, das genickt schmerzt. diesen film zum zweiten mal, ein getrunkenes bier gesellt sich zu ihnen und kräuselt mit einer lahmen hand ein weiches haar, haar aus elfenbein. der kopf aus alabaster ist nicht zu hause, er wacht dennoch auf. welch eine plage auch das kristallglass zwischen die finger zu nehmen und in zigarettenasche zu säubern von dem blut. von dem blut?
der vater steckte die hand unter die weste und befühlte die naht. hatte er vergessen sie aufzutrennen? warm sickerndes wachs holte er aus der wunde hervor und hielt es seiner gattin unter die nase, 'darf ich fragen, was das bedeuten soll?' mit einer nagelschere schnitt sie ihm das wort ab und ließ ihn schlafen. soll er doch, murmelten ihre gedanken dem wächter ins gesicht. unverkennbar knoblauch. fünf stufen und tageslicht wird wieder von lederhosen reflektiert. manche prahlen mit ihren ärschen. sehen nur langsam ein, daß der scheitel heute recht schief im ausschnitt sitzt. durch einben ruck wird er hochgeschleudert und verliert dabei die haltung. im staub eines amphitheaters landet er und findet sich als ausschnitt seiner selbst an einem rotwein nippend am scheitelpunkt seiner karriere. ein tropfen gift fällt vom himmel, er fängt es mit der zunge auf und hat es diesmal geschafft sieger zu sein.
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An einem Sonntag
Wie immer ist Sonntag. Das kommt nicht von ungefähr. Es gibt eine plausible Erklärung dafür, doch will ich mich nicht damit aufhalten etwas zu erklären.
Niemand wird widersprechen können, wenn ich behaupte es sei Sonntag. Lassen wir es also dabei beruhen, daß Sonntag ist.
Die Geschäfte haben geschlossen und wir gehen spazieren. Im Stadtpark spazieren zu gehen ist schön. An einem Sonntag ist es im Stadtpark nicht schön. Schön ist es, sich hinzusetzen und zuzuschauen. Am Sonntag sind die Parkbänke besetzt. Sonntags haben die Geschäfte geschlossen. Wir sind nicht die einzigen, die auf die Idee kommen im Stadtpark spazieren zu gehen.
Andere sitzen schon auf den Bänken und das Gras ist naß. Wir setzen uns in das Café am Planschbecken und bestellen uns ein Kännchen Kaffee. Ein Kännchen Kaffee am Planschbecken ist etwas Besonderes, weil es teuer und weit und breit das einzige Kännchen Kaffee ist.
Das Café am Planschbecken ist geöffnet, nicht obwohl, sondern weil Sonntag ist. Das Café am Planschbecken hat auch an jedem anderen Tag der Woche geöffnet. Sonntags hat es einen besonderen Anlass, daß das Café am Planschbecken geöffnet hat. Sonntags sind die Geschäfte geschlossen.
Woir trinken Kaffee und genießen den Tag, den siebenten Tag. Der Kellner arbeitet, er hat viel zu tun, es ist Sonntag, alle Parkbänke sind besetzt. Der Kellner wird heute viel Trinkgeld bekommen. Es ist der siebente Tag, wir genießen ihn. An den Nebentisch bringt der Kellner zwei Tassen Kaffe und zwei Stück Kuchen, Käsesahne.
Wir sitzen und schauen zu, deshalb trinken wir zussammen ein Kännchen Kaffee. Wir setzen uns nicht hin, um gemeinsam ein Kännchen Kaffe trinken zu können, wir trinken ein Kännchen Kaffee, um uns gemeinsam hinsetzen zu können, sonntags.
Heute ist es nicht schön im Stadtpark, heute müssen wir bezahlen. Wir müssen bezahlen, weil die Geschäfte geschlossen haben. Am siebenten Tag ruhte der Schöpfer sich aus. Er war nicht erschöpft, er hatte die Ruhe geschaffen. Er hatte sie geschaffen wie er Pflanzen und Tiere geschaffen hatte. Mit der Ruhe wurde die Welt vollkommen, der Schöpfer hatte am Ende des siebenten Tages sein Werk vollendet.
Und heute ist Sonntag, die Geschaäfte machen erst morgen wieder auf. Morgen ist Montag, aber heute, heute haben wir ein Kännchen Kaffee bestellt, im Café am Planschbecken, um uns dort hinsetzen zu können. Es ist nicht wie an anderen Tagen, denn wir sehen dem Kellner bei der Arbeit zu. Wir haben uns nicht hingesetzt um dem Kellner bei der Arbeit zuzusehen, aber wir veerfolgen aufmerksam jeden seiner Handgriffe am Nebentisch. Wir schauen zu wie er die Kaffeetassen vor die Frau und den Mann hinsetzt, wie er zu jeder Tasse Kaffee einen Teller mit Käsesahne hinstellt. Er wünscht einen guten Appetit. Das ist seine Arbeit, an einem Sonntag. Auch an anderen Tagen ist dies seine Arbeit. An anderen Tagen, da sitzen wir auf einer Bank, schauen den Kindern zu, die um den Springbrunnen mit den Pinguinen laufen, die um den Springbrunnen laufen und nicht hinfallen. An anderen Tagen. Aber heute ist kein anderer Tag.
Heute versuchen wir, wieder einmal, den Schöpfer nachzuahmen. Nicht eigentlich wir, denn wir haben uns hinsetzen können und schauen dem Kellner zu. Er läuft zwischen der Küche und den Tischen hin und her, er achtet darauf wer bezahlen und wer bestellen will. Er bedankt sich für das Trinkgeld, in Gedanken schon bei dem gemischten Eis und dem Pflaumenkuchen für die Frau am Tisch links vom Eingang.
Sie sitzt am Tisch links vom Eingang, ein unvorteilhafter Platz,weil schon andere die begehrten Plätze unter den Sonnenschirmen besetzt halten. Es ist Sonntag, ein schlechter Tag für begehrenswerte Plätze. Zu viele Menschen suchen die Orte der Ruhe auf. An anderen Tagen findet man sie leichter, die Orte der Ruhe. An anderen Tagen werden die Geschäfte aufgesucht. Sonntags sind die Gechäftstüren verschlossen. Auch dafür gibt es eine plausible Erklärung, wie es für alles eine plausible Erklärung gibt. Weil es für alles eine plausible Erklärung gibt erübrigt es sich, zu erklären warum sonntags die Geschäftstüren verschlossen sind.
Wir trinken lieber unseren Kaffee aus und wollen bezahlen, im Grunde genommen nicht bezahlen. Aber da heute Sonntag ist bezahlen wir und wollen es sogar, da die Geschäfte geschlossen haben und wir bezahlen müssen. Der Kellner bedankt sich bei und für das Trinkgeld, das er von uns bekommt, weil Sonntag ist. Er ist schon wieder in der Küche angelangt, wenn wir aufstehen und sein 'Dankeschön' schwirrt hilfesuchend im Café umher zwischen den Floskeln, die zu seinem Handwerkszeug gehören.
Wir gehen und im Gehen danken wir still und heimlich dem Kellner dafür, daß er uns ein Kännchen Kaffe gebracht hat, an einem Sonntag.
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Ein Gedanke zum Schluß:
Es gibt nicht etwa deshalb Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir nicht begreifen könne, weil es sie gibt, sondern lediglich deshalb, weil wir nicht begreifen können, daß es sie gibt.
(diese Texte habe ich ich Mitte der Siebziger zu einem kleinen Heft gebunden meiner Mutter und ihrem Lebensgefährten zu Ostern geschenkt - ihre Reaktion darauf war eine langanhaltende Sprachlosigkeit, wie so oft, wenn ich etwas von mir preisgab. Insgeheim mussten sie wohl gedacht haben: 'Was haben wir da bloß angerichtet!?')
07.03.2026 - 19:18:14