I
Ich befinde mich auf einer Straße, rechts und links gewöhnliche Häuser. Meine Hände habe ich tief in die Taschen meines Mantels gesteckt, es ist kalt - November. Ich gehe diese Straße entlang, warum, weiß ich nicht mehr. Mir war, als wollte ich zum Briefkasten gehen, es ist auch möglich, daß ich nur frische Luft schnappen wollte. Ich kenne die Straße nicht, die Häuser sehe ich zum ersten mal. Ich sehe einen Briefkasten, warum hätte ich zum Briefkasten gehen wollen, ich kenne die Straße nicht, diesen Briefkasten nicht. Vielleicht habe ich mich auch verlaufen.
Auf dem Straßenschild kann ich trotz Dukelheit den Namen der Straße entziffern: Hopfenhof. Das sagt mir nichts, auch nicht entfernt. Ich bin fremd, werde mich doch verlaufen haben. Wo wollte ich hin, frage ich mich, interessanter noch, wo komme ich her. Ich kann mich nicht entsinnen. Hopfenhof, ich schaue mir dir fremden Häuser an, die Dächer zuerst, immer die Dächer zuerst, da wo weiter Himmel und nasses Dach sich stoßen. So stelle ich mir das Ende der Welt vor, ein nasses Dach und darüber nur noch Himmel.
Das Dach könnte auch trocken sein, aber mein Ende der Welt ist verregnet. Ein verregneter Novemberabend, und kalt.
Die Dächer im Hopfenhof sind hoch, höher als dort, wo ich hergekommen sein muß. Hinter den Fenstern kein Licht, die Häuser wie ausgestorben [sie schweigen, als wollten sie mir etwas sagen], oder es ist nachts, wie spät mag es sein, wann bin ich losgegangen, bin ich losgegangen? Ich weiß nur, nein, ich weiß es nicht. Ich gehe diese Straße entlang, Hopfenhof, und weiß nicht wieso. Ich bin hier fremd.
Die Hauseingänge, mit beleuchteten Hausnummern, alle gleich. Eine Gegend zum Verlaufen, wenn man nicht hier wohnt. Ich hätte schon lange stehenbleiben können, schon an dem Briefkasten, der längst weit hinter mir ist, ich hätte. Stattdessen bin ich weitergegangen, habe mir die nassen Dächer angeschaut, habe festgestellt, daß die laufenden ungeraden Hausnummern kleiner werden, stattdessen ziehe ich den Gürtel an meinem Mantel fester zu und schaue mir die parkenden Autos an, während ich weitergehe. Die üblichen Autos, einige japanische, hauptsächlich deutsche Marken, gelegentlich Aufkleber an der Heckscheibe. An einem der Autos war mir etwas aufgefallen, aber ich bin weitergegangen, ich habe keine Lust herauszufinden was es war.
Ich stelle fest, bald bin ich an der Straßenkreuzung angekommen, der ich, im Grunde genommen, seit einiger Zeit schon ahnungsvoll entgegenstrebe. Etwas an dieser Kreuzung ruft in mir eine Erinnerung wach. Fremde Gegenden rufen oft Erinnerungen in mir wach. Ich fühle mich wie im Traum, als wäre ich vor langer Zeit, vielleicht als Kind, schon einmal an dieser Kreuzung gestanden. Allerdings weicht die Ahnung, sobald ich die Kreuzug erreicht habe der Gewissheit, daß die Kreuzung, wie die Häuser und alles an dieser Gegend mir unbekannt ist, ich nicht weiß wo ich bin.
Da ich nun, daran glaubend mich verlaufen zu haben, unter einer Straßenlampe stehe und unschlüssig bin in welche Richtung ich mich wenden soll, krame ich vorerst in den Manteltaschen nach Zigaretten. Ich finde eine angebrochene Packung, nicht meine Marke, filterlos, ich denke nicht weiter darüber nach (oder doch?), und nach einer Weile ein Feuerzeug. Die ungewohnt starke Zigarette rauchend betrachte ich zweifelnd das Feuerzeug, elegant, vielleicht vergoldet, aber nicht meins. Es ist nicht meine Art Feuerzeuge einzustecken, die nicht mir gehören (aus Achtung vor Eigentum) und es ist nicht meine Art filterlose Zigaretten zu rauchen. Ich schaue die regennasse Straße entlang, verunsichert, und warte bis der Wagen, den ich in der Ferne bemerke, an mir vorbeigefahren ist. Nun da ich mich unbeobachtet wähne (ich fühle mich dennoch beobachtet), stecke ich Feuerzeug und Zigaretten wieder ein und beginne, nicht ohne mich gelegentlich umzuschauen, die Taschen an meinem Mantel zu durchsuchen.
Ich komme mir vor wie einer, der etwas Verbotenes tut, wie vor Jahren, als ichh während mein Vater vor dem Fernseher eingenickt war, an seine Zigaretten gehe und mich ins Badezimmer schleiche, um dort meine erste Zigarette zu rauchen, von der mir übrigens nicht übel wurde. Meine Mutter war an jenem Abend geschäftlich unterwegs, glaube ich, sonst wäre meine erste Zigarette wohl nicht bis heute unentdeckt geblieben, ein Geheimnis, das ich mir aufbewahrt habe, meine Mutter kam meinen Heimlichkeiten immer auf die Schliche, sei es weil ich ihr früher oder später davon erzählt hätte. Sie zu hintergehen war die einzige Sünde, die es für mich gab. So aber, da sie nicht zu Hause war, sagte ich mir, hatte ich sie auch nicht hintergangen und mein Vater schlief. Und da es keine Sünde, lediglich etwas Verbotenes war, vergaß ich mein Geheimnis, bis jetzt wo ich unter der Straßenlampe stehe und einen Schlüsselbund in der Hand halte: Zwei Sicherheitsschlüssel an einem metallenen Ring. Ich frage mich nicht lange wie zu dem Feuerzeug eines Fremden (ich bin mir siche es gehört einem Mann) auch noch dieser Schlüsselbund in meine Manteltasche kommt, ich bin mir hingegen inzwischen recht sicher und wundere mich über mich selbst, da es nicht meine Art ist, in fremderleuts Mänteln zu stecken. Ich habe es so mit Kleidungsstücken, sobald ich sie trage denke ich nicht mehr an sie, und betrachte sie auch nicht, es sei denn sie seien neu, was mein Mantel nicht ist, wo immer er auch sein mag. Ich habe den falschen Mantel angezogen, bloß wo? Und wann? Den fremden Mantel betrachtend, stelle ich fest, daß er blau ist und ich blau nicht mag, es steht mir nicht, wieso also dieser Mantel?
Anstatt weiter zu überlegen wie ich in den Mantel, in den blauen Mantel, der mir allerdings passt, als sei es mein eigener, komme, denn das ist eine Tatsache, an der ich wenig ändern kann, es sei denn ich würde ihn jetzt ausziehen, es regent aber, anstatt also darüber nachzudenken, suche ich weiter in den Taschen. In einem Mantel, denke ich mir, in dem ein Schlüsselbund steckt, wird sicher auch eine Brieftasche zu finden sein. Ich suche, fühle mich nicht mehr beobachtet, da ich erschreckt, nein, vielmehr sprachlos, bin, was aber nicht auffällt, da mich niemand fragt, was ich denn suche, und finde schließlich in einer Innentasche ein ledernes Etui.
Das Etui aufgeklappt, sehe ich, daß es tatsächlich die gesuchten Papiere enthält. Ich zögere noch den Ausweis aufzuschlagen, da mir bewußt wird, daß ich im Begriff bin das Unmögliche (daß ich einen fremden Mantel trage, nicht weiß warum) als unausweichlich anzunehmen. Lieber wäre mir, ich könnte die Erkenntnis verscheuchen und weiter in der Hoffnung umherirren zu entdecken wo ich bin und wo ich herkomme.
Ich könnte mir etwas vornehmen, mein Wissen dadurch übergehen, daß ich täte als wüßte ich genau weshalb ich mich hier herumtreibe, als wäre ich nur stehengeblieben um mir eine Zigarette anzuzünden (was auch stimmt) und wäre unschlüßig gewesen, da ich nicht wußte wo ich lang gehen sollte. Ich könnte weitergehen und dem beleuchteten Schild entgegenstreben; der Name einer Bierbrauerei läßt mich auf ein Lokal oder eine Gaststätte hoffen, wo ich eine kleine Speise zu mir nehmen könnte. Ich würde mich vor mir selber benehmen als kennte ich das Lokal und hätte nicht nur beim zögernden, nachdenklichen Umherblicken diesen hellen Fleck wahrgenommen und darin die Möglichkeit eines Ziels für meine Ratlosigkeit gesehen. Wenn ich das Lokal betreten hätte, hätte ich mich an meinen Lieblingsplatz gesetzt - vorher sicherlich den Mantel an die Garderobe gehängt - und in der Speisekarte geblättert, obwohl ich sie in- und auswendig kennen müßte. Weil das Lokal recht gut besucht ist, wird es dauern bis ich bedient werde; diese Zeit werde ich damit verbringen die anderen Gäste zu mustern, die Innendekoration zu betrachten (vielleicht werde ich die Hinweistafel suchen, die den Weg zu den Toiletten zeigt) und spätestens dann werde ich feststellen müssen, daß ich mich nicht hintergehen kann. Das Lokal ist mir so fremd wie alles, wie meine Situation, wie die Frage, woher ich gekommen bin. Was bleibt mir also. Ich halte den Personalausweis, äußerlich wie alle anderen (allerdings wenig abgegriffen), in der Hand und weiß, daß es unausweichlich ist hineinzusehen; früher oder später werde ich es tun, also, sage ich mir, kann ich es auch jetzt hinter mich bringen. Wozu es aufschieben, es mir im Kopf umherschwirren lassen, wenn mich noch Wichtigeres drängt. Ich werfe einen letzten Blick auf das kleine graue Heft, dann blättere ich die erste Seite um und sehe im knappen Licht der Straßenbeleuchtung das Bild des Mannes, dessen Mantel ich für meinen gehalten habe. Unter der Photographie, seine Unterschrift, unleserlich zwar, aber auf der gegenüberliegenden Seite, tabellarisch und in Maschinenschrift, die üblichen Daten. Nun weiß ich, was mir nicht hilft, Namen, Geburtstag und so weiter des Fremden und schaue mir erneut das Passphoto an, diesmal etwas ausgiebiger. Das fremde Gesicht, nichtssagend wie Famileinphotos von Bekannten, deren Verwandte ich nie kennengelernt habe, könnte beliebig austauschbar sein, ich kenne diesen Menschen nicht, und doch ist dieser Unbekannte, dessen Ausweis ich vor den Regentropfen zu verbergen versuche, plötzlich zu einem Teil meines Lebens geworden. Ein kleines, winzig kleines Detail, aber im Moment ein bedeutendes, denn, wenn auch sein Name, sein Gesicht in mir auf Leere treffen, so werde ich ihn ausfindig machen müssen, allein schon um die Verwechslung der Mäntel rückgängig zu machen. Ich blättere daher weiter, bis ich die Eintragung seiner Adresse finde, die mich wiederum verwirrt.
Während ich im Regen stehend, die Anschrift meines Fremden zum zweiten Mal lese, kommt es mir vor als existiere außer mir und dem Ausweis nichts, als wäre meine Welt zusammengeschrumpft und es gäbe nur mich, der nicht weiß was los ist. In sauberer Handschrift sehe ich den Straßennamen: Hopfenhof, und die Hausnummer: dreiundsiebzig; darüber in blauer Stempelfarbe: Hamburg. Auf einmal entsinne ich mich, und will es doch nicht glauben, was mir beim beiläufigen Betrachten der Autos aufgefallen war. Ein Kennzeichen war es, ein Hamburger Kennzeichen mit dem doppelten 'H'. Und der Name der Straße, hier im Ausweis, der gleiche wie auf dem Schild in der Dunkelheit.
Ich versuche nicht zu denken, was mir so nahe liegt, stelle mir stattdessen niedrige Häuser vor, mit Vorgärten und einer Allee aus Bäumen davor. Dieses Bild erscheint mir vertraut, um so mehr, als daß ich es um mich herum nicht finde, mir jetzt noch fremder vorkomme. Die Straße, die Erinnerung an das Nummernschild und die Eintragung in diesem Ausweis, den ich immer noch in das Licht der Straßenlaterne halte, das läßt mich ahnen, wenngleich die Vorstellung absurd ist, daß ich in einer fremden Stadt bin: Hamburg.
Und ich weiß nicht wo ich hergekommen bin. Ich ging diese Straße entlang und fragte mich was mich dazu bewogen haben mochte, suchte einen Anhaltspunkt um mich zurechtzufinden, immer in der Hoffnung, ich könnte etwas erblicken, das mir Aufschluss geben würde darüber wo ich war.
15.11.2025 - 21:36:33